Das Gerücht der „Dreimonatskoliken" | 12.12.2017

Jedes Baby schreit einmal, doch Einige schreien anders oder mehr als andere. Die Eltern sind dadurch oft einer enormen Belastung quasi hilflos ausgesetzt. Sie haben meist alles versucht: von Windeln prüfen, stillen, herumtragen bis der Rücken und die Arme schmerzen, wippend durch die Wohnung hüpfen, summend, wiegend und selber den Tränen nahe...

Einige Babys biegen sich nach hinten durch, andere ziehen immer wieder ihre Beinchen an und stoßen sie weg. Wenn keine körperliche Ursache vom Kinderarzt gefunden wird, hilft sich der Arzt oft mit der unbestimmten Diagnose „Dreimonatskoliken“. Sie sollen die ursächlich sein für das teilweise untröstliche Weinen, das manchmal stundenlang dauern kann und gegen Abend oft schlimmer wird.

Diese sogenannten Darm-Beschwerden oder Verdauungsbeschwerden eines Babys verhindern aber leider ein genaueres Hinsehen der Eltern. Denn das Baby will ja etwas erzählen, es kann sich jedoch nur schlecht mit seinen Eltern mal „zusammen aufs Sofa setzen und ihnen erklären, wo ihm der Schuh drückt“.

In manchen Fällen kann es ein abendliches Abreagieren von den täglichen Überreizungen sein, denen die Kleinen (ebenso wie die Erwachsenen) ausgesetzt sind. Auch wir Erwachsene sind oft abends platt, erschöpft, kommen schwer runter und geraten mit dem/r Partner/in in Konflikte. Warum soll es den Babys anders ergehen?

Bei einer Untersuchung von Englands renommiertestem Kinderarzt, Dr. Roland Illingworth, wurden bereits 1954 die Röntgenaufnahmen der Mägen von „Kolikbabys“ und der entspannten Babys verglichen. Das Ergebnis schon damals: Es konnte kein Unterschied hinsichtlich der Gasmenge bei den ruhigen und den Schreibabys inmitten der Weinattacke festgestellt werden. Auch die Vermeidung bestimmter Speisen oder die Einnahme von Tropfen halfen nicht.

Was also kann alles zu einem Schreibaby führen?

Neben der Verarbeitung der täglichen Erlebnisse und dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Rumgetragenwerden (wie im Bauch) hat die pränatale Psychotherapie einen meist klaren Zusammenhang zwischen einer Traumatisierung vor oder während einer Geburt festgestellt. Eine Zangen- oder Saugglockengeburt, ein Kaiserschnitt, eine Frühgeburt, zu frühes Trennungserleben nach der Geburt ebenso wie eine belastete Schwangerschaft haben eindeutig eine massive Auswirkung auf das Baby und meist auch die Eltern.

Auch Belastungen im familiären Umfeld während der Schwangerschaft oder auch danach (Konflikte in der Partnerschaft, in der näheren Familie, Todesfälle, Krankheiten von Angehörigen, soziale Isolation und mangelnde Unterstützung des Umfeldes führen nicht nur zu einer belasteten Elternschaft sondern eben auch zu einem belasteten Kind.

Auch die eigenen biografischen Hintergründe, wie Traumatisierungen, Verlassenwerden, mangelnde Zuwendung der eigenen Eltern (unzureichende Bindungssicherheit), um nur einige Möglichkeiten aufzuzeigen, können sich unmittelbar auf die Mutter /den Vater und damit auch ihr Kind auswirken.

Auch Rauchen lässt sich statistisch nicht nur mit dem plötzlichen Kindstod (SIDS) in Verbindung bringen, sondern auch mit exzessivem Schreien, ebenso wie Nachwirkungen von Impfungen oder auch letztlich tatsächlich Bauchkrämpfe aufgrund der zu viel geschluckten Luft infolge von langem Schreien.

Wichtig zu wissen ist, dass Eltern mit dieser Situation nicht alleine sein müssen, sondern sich in Schreiambulanzen und Eltern-Baby-Therapien Hilfe holen können. Denn ein vermehrtes Weinen der Babys führt auch zu Ablehnungsgefühlen, Wut ebenso wie Schuldgefühlen gegenüber den Kindern: die leider perfekte Mischung, eine unsichere Bindung zwischen Eltern und Baby entwickeln zu lassen, die ein Leben lang Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung haben kann.

Autorin: Verena Michel-von Funcke


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